Generative Machine-Learning-Systeme verändern das Fremdsprachenlernen
Bemerkungen
Was sagt die Computerlinguistik zum verbreiteten Einsatz von Sprachrobotern? Intelligente Chatbots und Text-Manipulationssysteme sind ein wichtiges Forschungsgebiet unseres Fachs. Wir beschäftigen uns seit jeher mit der Technologie und dem Funktionsumfang, aber immer auch mit den gesellschaftlichen Auswirkungen. So diskutieren wir schon seit einiger Zeit, welche Auswirkungen die heute sehr guten maschinellen Übersetzungssysteme wie zum Beispiel DeepL oder Google Translate auf das Lernen von Fremdsprachen und damit auf die Sprachkompetenzen der nächsten Generation haben werden. Wir weisen immer wieder auf die kulturellen und kognitiven Vorteile hin, die das Sprachenlernen hat. Aber es ist klar, dass das Lernen einer zweiten oder dritten Fremdsprache zunehmend in Frage steht. Die Übersetzungs-Studiengänge verzeichnen bereits eine sinkende Nachfrage.

Der klassische Fremdsprachenunterricht wird durch technische Entwicklungen grundlegend infrage gestellt. Heute ist es technisch möglich, dass sich Menschen über Sprachgrenzen hinweg verständigen, ohne dieselbe Sprache zu beherrschen. Automatische Übersetzungssysteme leisten dies in vielen Alltagssituationen zuverlässig. Auf der Sekundarstufe II entsteht daraus kein blosses Effizienzargument, sondern eine bildungspolitische Konsequenz: Wenn sprachliche Verständigung technisch verfügbar ist, verliert der systematische Erwerb einer Fremdsprache als schulisches Kernfach seine bisherige Begründung.Ein Festhalten am traditionellen Fremdsprachenunterricht erzeugt unter diesen Bedingungen vor allem ein Motivationsproblem. Lernende erleben, dass die Schule Zeit in ein Training investiert, dessen praktischer Nutzen durch technische Mittel scheinbar aufgehoben ist. Die verbreitete Haltung „Übersetzer-App statt Sprachlernen“ ist keine pädagogische Fehlhaltung, sondern eine rationale Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen. Daraus folgt nicht der Verlust eines Bildungsbereichs, sondern dessen Neuausrichtung.
Der Fremdsprachenunterricht wird deshalb ersetzt durch einen kulturvermittelnden Unterricht. Im Zentrum steht nicht mehr die systematische Aneignung einer Sprache, sondern das Verstehen eines Sprach- und Kulturraums in seiner historischen, gesellschaftlichen und aktuellen Ausprägung. Sprache bleibt präsent, jedoch funktional eingebettet in kulturelle Kontexte und reale Handlungssituationen, nicht als isoliertes Lernziel.
Zitationsgraph
8 Erwähnungen 
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- Wie KI den Fremdsprachenunterricht bereichern kann (Iris Laube-Stoll, Alexander Brand) (2023)
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